Wir haben mit Oliver Wnuk über die Entstehung des Projekts geredet, über die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen und darüber, wie aus ihren Gedanken, Themen und Perspektiven eine gemeinsame Bühneninszenierung entstanden ist. Außerdem wollten wir von ihm wissen, warum sich ein Besuch von „wir_jetzt_hier“ unbedingt lohnt.
Was gab den Anstoß für die Inszenierung und das Projekt?
„Nach unserem ersten gemeinsamen Weihnachtskonzert im Dezember 2024 saß ich mit Chefdirigent Gabriel Venzago und Intendant Dr. Hans-Georg Hofmann von der Bodensee Philharmonie in einem italienischen Restaurant und Hans fragte mich, ob mir denn einfallen würde, wie man Musik mit Text noch verbinden könnte. Als frisch gekürter Mentor-Botschafter kam mir die Idee, die Themen von Jugendlichen mit klassischer Musik auf eine große Bühne zu bringen.”
Wie ist Schritt für Schritt „wir_jetzt_hier“ entstanden?
„Es gibt Projektideen, da schreibt man Seite für Seite, Brief für Brief, Konzept, Exposé und vieles mehr. In diesem Fall reichte eine halbe Seite, um alle Parteien zu überzeugen. Wenige Wochen später befanden wir uns schon in der konkreten Planung. Neben Mentor-Geschäftsführer Matthias Ehret, der von Anfang an Feuer und Flamme und für den es eine Selbstverständlichkeit war, sich für den finanziellen Teil verantwortlich zu sehen, begann ich, mein Team zusammenzustellen. Teresa Renn, die ich von einer Arbeit an einem Fernsehfilm in Konstanz kannte, konnte ich als meine Regieassistentin gewinnen – sowie für die Aufgabe, das Projekt filmisch zu begleiten. Von Haus aus Dokumentarfilmerin übernahm sie die Aufgabe gern.
Saskia Junggeburth, seit vielen Jahrzehnten eine enge Freundin, mit der ich nicht nur Abitur gemacht habe, sondern durch die ich überhaupt erst zum Beruf des Schauspielers kam, traf ich an ihrem Wohnort Hamburg und fragte sie, ob sie sich vorstellen könnte, die theaterpädagogische und szenische Mitarbeit zu übernehmen. Nun hatte ich das beste Team, das ich mir für dieses Großprojekt vorstellen konnte. Im nächsten Schritt stellten wir ein Ensemble zusammen.
Es ging mir von Anfang an in erster Linie nicht um das Ergebnis, sondern um den Weg als solcher. Ganz im Sinne der Mentor Stiftung war es mir wichtig, den Jugendlichen gemeinsam mit meinem Team über mehr als ein Jahr hinweg verlässlich zur Seite zu stehen. Als Kooperationsschule konnte ich die Geschwister-Scholl-Schule gewinnen, an der Saskia und ich nicht nur Abitur gemacht haben, sondern der ich mich immer schon verbunden fühle. Wir begannen mit einem Workshop, aus dem sich dann ein Ensemble von acht Jugendlichen fand. Zwei weitere Jugendliche kannte ich aus anderen Arbeiten und brachte sie mit in die Gruppe ein.”
Welche Themen und Gedanken der Jugendlichen stehen im Mittelpunkt des Stücks?
„Zuerst gingen wir von ihren Werten aus. Dazu mussten wir erst mal herausfinden, welche Werte für die einzelnen Spieler existenziell sind. Daraus entwickelte ich Texte, die wir teilweise mit den Spielerinnen und Spielern weiter ausfeilten, den richtigen Ton fanden und nun seit mehreren Monaten daran arbeiten. Es ging mir in erster Linie darum, authentische Menschen auf der Bühne zu zeigen. Keine Jugendlichen, die versuchen etwas darzustellen. Nein, es geht darum, den Mut aufzubringen, eine Tür aufzumachen, durch die man dem Zuschauer Einblick gewährt. Nicht, dass es sich dabei um eine unangenehme Nabelschau oder das Hinauskehren von Befindlichkeiten handeln würde. In welcher emotionalen gesellschaftlichen Situation befinden sich Jugendliche heutzutage? Was treibt sie an? Über was stolpern sie? Ein gemeinsames Nachdenken auf Augenhöhe.”
Was erwartet die Besucher*innen an diesem Abend? Ein Theater, ein Konzert, eine Lesung?
„Viele Überraschungen. Großartige Musik. Mutige Spielerinnen und Spieler, viel Emotion, Kampf und Freude. Wir werden sie berührend unterhalten.”
Wie tragen Musik und Chor dazu bei, die Gedanken und Gefühle der Jugendlichen auszudrücken?
„Das ist Interpretationssache. Für manche könnte die Musik wie eine innere Guideline der Jugendlichen rüberkommen. Manchmal fungiert sie als Filmscore, manchmal interpretiert sie oder steht für sich. Text in Verbindung mit Musik kann wie ein Fremdkörper wirken: genauso verstörend wie manchmal unsere Gefühle und Gedanken auf uns wirken können. Und manchmal – vielleicht etwas seltener – wirkt alles in allem harmonisch und trotz Komplexität sehr homogen.”
Welche Entwicklung konnten Sie bei den Jugendlichen im Laufe der Projektzeit beobachten?
„Es berührt mich, wenn ich spüre, wie wichtig den Jugendlichen das eine oder andere Wort in ihren Texten ist. Wie sie für bestimmte Formulierungen kämpfen, um mitzugestalten. Immer dann, wenn Begeisterung im Raum ist, fühle ich mich elektrisiert. Das ist es, was ich den Jugendlichen von heute wünsche: Flexibilität, Begeisterungsfähigkeit und dass sie ihr Potenzial finden. Dadurch entsteht Freude und wenn’s ganz gut läuft sogar ein Lebensunterhalt.”
Gab es eine Aussage oder Szene, die Sie persönlich besonders berührt?
„Ja, sicherlich. Bei fast jeder Probe – immer wieder aufs Neue.”
Sie sprechen über „wir_jetzt_hier“ von Ihrem Herzensprojekt. Wieso?
„Kommen Sie am 07. oder 08.10. ins Bodenseeforum und Sie werden sehr schnell wissen, wieso. Wir freuen uns sehr auf Sie.”
Was verstehen Jugendliche heute vielleicht besser als die Generationen vor ihnen?
„Schwer einzuschätzen, da ich dazu erst mal fähig sein müsste, ein objektives Bild von mir als Jugendlicher zu haben – und nicht nur die Projektion von dem, wie ich glaube, gewesen zu sein. Abgesehen davon müsste ich hier diese spannenden Individuen in einen Topf schmeißen und den kleinsten gemeinsamen Teiler heraussieben. Das würde ihnen niemals gerecht.”
Wieso sollen sich Besucher*innen unbedingt Karten für das Bühnenprojekt kaufen?
„Weil es besonders wird. Weil es Erinnerungen schafft. Nicht nur für die Mitwirkenden, sondern hoffentlich auch bei den Zuschauern. Nicht, weil es perfekt ist oder großartig performt, aber ich denke, dass es sehr echt sein wird – klar und mutig. Und weil es eine längere Halbwertszeit in den Köpfen der Zuschauer mit sich bringt als ein TV-Krimi-Abend oder eine Partie Mensch, ärgere dich nicht. Ein Abend, in dem so viel Arbeit und Energie steckt und bei dem das WIR noch großgeschrieben wird, ist es allemal wert, besucht zu werden.”





