Einblicke ins Mentoring: Mentor*innen berichten

Diesmal erzählt Mentor-Botschafterin Simona Winter, wie sie junge Menschen fürs Ausprobieren begeistert – und warum sie bei der Berufswahl oft „wie vor einem Joghurtregal“ stehen.

3 März 2026 | Interview

In der Reihe „Mentor*innen berichten“ teilen unsere Ehrenamtliche regelmäßig neue Begegnungsgeschichten und Einblicke aus dem Mentoring-Alltag – persönlich, nah dran und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Botschafterin Simona Winter„Die Jugendlichen stehen vor ihrem Leben wie vor einem Joghurtregal.“

Simona Winter ist Mentor-Botschafterin und hat es sich zur Aufgabe gemacht, andere Erwachsene mit ihrer Begeisterung für junge Menschen anzustecken und fürs Mentoring zu gewinnen. Ein Gespräch über Haltung, krumme Wege und den Mut zur Entscheidung.

Dienstag, 13:37 Uhr. In meinem Kalender steht: Gespräch S. Winter, Mentor, 14 Uhr. Etwas Zeit bleibt also noch für einen schnellen Klick auf simonawinter.de. Dort steht: „Ich finde für Dich und Deinen Vierbeiner die optimale Lösung Deines Problems“. In meinem Kopf stehen: Fragezeichen.

13:59 Uhr. Simona Winter loggt sich ins Online-Meeting ein. Meine Fragezeichen lösen sich in Luft auf. Vor mir strahlt ein menschgewordenes Ausrufezeichen, das offen und zugewandt meine laienhaften Fragen beantwortet. Die erste: Was sie denn genau mache – beruflich? „Ich mache Zwei- und Vierbeiner fit, und zwar on point. Egal ob für einen Halbmarathon am Wochenende oder die nächste Winterolympiade“, erklärt Winter. Eine Physiotherapeutin für Mensch und Tier? „Genau. Ich begleite Menschen und Tiere dabei, ihre Gesundheit, ihre Haltung und Leistung zu verbessern“, erklärt sie und verrät mir auch direkt, warum sie darin so gut ist: „Ich habe einfach ein Auge für Körper. Daran, wie sich jemand bewegt und an seiner Körperhaltung sehe ich sofort, wo wir gemeinsam mit der Therapie und den richtigen Übungen ansetzen müssen“.

Langsam verstehe ich. Aber wie kommt man dazu, am Montag edle Pferde auf Rhodos zu massieren und am Samstag die Snowboard-Hoffnung Julius Reichle auf die Olympiade vorzubereiten? „Ich habe nie selbst intensiv Sport getrieben, bin aber schon als Kind sehr gerne geritten“, erzählt Winter. „Einmal habe ich meine spätere Ausbilderin beobachtet, wie sie ein Pferd massiert und mobilisiert hat. Ich war fasziniert und wusste sofort: Das will ich auch lernen.“ Sie löcherte die Erwachsene und fand dabei zwei entscheidende Dinge heraus: Dass man fragen muss, wenn man Antworten will. Und dass es für fast alles einen Ausbildungsweg gibt. „Ich war gerade 13 und hatte meinen Traumjob gefunden“, sagt sie mit strahlenden Augen. Das Ziel war also klar, aber der Weg zunächst alles andere als geradlinig. Im Sattel saß die pubertierende Simona fester als auf der Schulbank. Die achte Klasse an der Realschule Zoffingen musste
sie wiederholen, dann auf die Hauptschule wechseln. Der Abschluss stand auf der Kippe. „Irgendwann habe ich kapiert: ohne Schulabschluss keine Ausbildung.“

Haben die eigenen Brüche im Lebenslauf den Ausschlag gegeben, sich als Mentorin zu engagieren? „Es war eher Thomas Strobel, der den Ausschlag gegeben hat“, antwortet sie lachend. „Er hat mich vor drei Jahren angesprochen und nach dem ersten Inspirationstag wusste ich: Das ist genau mein Ding!“. Sie genieße die intensiven, kurzen Gespräche in Kleingruppen aus drei bis vier Schüler*innen. Man lerne an so einem Vormittag viel über sich – und über Achtklässler*innen. „Wenn Bekannte über ‚Die Jugend‘ lamentieren und darüber, was sie angeblich zu viel, zu wenig und sowieso alles ganz anders machen als wir, dann sag ich ihnen: Geh doch mal in eine Schule und rede mit den Kids. Und wenn du keinen Nachwuchs im Betrieb findest, dann erklär ihnen halt, was so cool ist an deinem Job!“. Deshalb möchte sie als Botschafterin noch mehr Menschen als Mentor*innen gewinnen.

Simona Winters Erkenntnis nach rund einem Dutzend Inspirationstagen an sieben Schulen? „Dass die Kinder trotz Smartphone, WLAN und TikTok genauso lost sind, wie wir es das damals waren. Dass sie immer noch dieselben Fragen umtreiben: Wer bin ich? Was kann ich? Wer sieht mich? Wo will ich hin? Nur: Die Antworten darauf sind nicht einfacher geworden. Als ich von der Schule abgegangen bin, gab es gerade mal drei Ausbildungen in Richtung Arbeit mit Pferden. Heute sind das locker ein Dutzend. Die Jugendlichen stehen vor ihrem Leben wie vor einem Joghurtregal im Supermarkt. Welcher schmeckt mir? Welcher ist gut für mich? Bin ich überhaupt ein Joghurt-Typ?“. Eine wesentliche Aufgabe als Mentorin sieht sie darin, den jungen Leuten zu sagen: „Probier einfach einen aus. Nimm ein paar Löffel und schau, ob du auf den Geschmack kommst. Und wenn‘s wirklich nicht deins ist: Nimm dir einen neuen!“. Der weise Rat einer Pferdeflüsterin und Menschenfreundin.

Winters Mit-Mentor*innen: eine Grafikerin, eine Campingplatz-Pächterin, ein Pilot, ein Zimmermann, eine Anwältin. Was sie verbindet, ist, dass das kaum jemand von ihnen in der achten Klasse so geplant hatte. Ihre Erkenntnis, dass das Leben aus Zufällen besteht. Und aus Glücksfällen. Und sie sind sich darin einig, dass es absolut wichtig ist, Fragen zu stellen und darauf Antworten zu erhalten. Ob im Pferdestall oder beim Inspirationstag.

14:58 Uhr. Gerade noch Zeit für eine letzte Frage: Hat sich etwas in ihrem Leben verändert, seit sie Mentor-Botschafterin ist? „Ich gebe öfter Interviews als früher“, antwortet Simona Winter und lacht herzlich. Mit Ausrufezeichen.

Das Gespräch führte Harald Kühl.